Potemkinsche Dörfer und eine Haltung der Ignoranz auf höchster Führungsebene…


Was unter einem Potemkinschen (oder Potjomkinschen) Dorf zu verstehen ist? Nun, Wikipedia meint dazu: „… etwas, das fein herausgeputzt wird, um den tatsächlichen, verheerenden Zustand zu verbergen. Oberflächlich wirkt es ausgearbeitet und beeindruckend, es fehlt ihm aber an Substanz.“


Fürst Potjomkin und die Legende von den Dorfattrappen in Neurussland

Der Legende nach hat Feldmarschall Fürst Grigori Alexandrowitsch Potjomkin vor einer Inspektionsreise der russischen Zarin Katharina II. (genannt „die Große“) im neu eroberten Krimgebiet zum Schein Dörfer aus bemalten Kulissen errichten lassen, um dieser die fortgeschrittene Besiedlung der neuen Gebiete vorzugaukeln.


Wenn Wahrnehmungen „gemanagt“ werden…

Der Anlass, dass ich diese – übrigens dem Neid anderer Adeliger bei Hofe entsprungene – Legende hier kurz erzählt habe ist, dass ich gestern in den Genuss von Auszügen aus Interviews mit deutschen und österreichischen Führungskräften der nullten sowie ersten Führungsebene von Unternehmen, die – für die Medien, welche sie über längere Zeiträume „gehypt“ hatten völlig überraschend – in die Insolvenz geschlittert sind, gekommen bin.

Nahezu alle Interviewten berichten, dass ihre MitarbeiterInnen ihnen „etwas vorgespielt“ hätten, ihnen eine „heile Welt“ vorgegaukelt hätten, sie sehr einseitig und verzerrt informiert hätten, usw. und sie daher nicht in der Lage gewesen wären, auf für die Existenz des Unternehmens wesentliche Veränderungen rechtzeitig zu reagieren. Und wissen Sie was? Genau solche Geschichten erzählen mir MitarbeiterInnen verschiedener Unternehmen recht häufig – dass sie nämlich, wenn etwa derdie CEO sich ankündigt, verschiedene Arrangements treffen, um über Probleme hinwegzutäuschen, diverse Aktivitäten setzen, um teils schwerwiegendste Mängel zu verbergen, Inszenierungen auf die Beine stellen, welche aus einem Drama eine nahezu kitschige Seifenoper machen – und sei es auch nur für ein Paar Minuten, bis die Geschäftsleitung wieder weg ist – auf zu neuen Potemkinschen Dörfern.


Ignoranz ist keine brauchbare Entschuldigung

Ein solch gezieltes „Wahrnehmungsmanagement“ kann selbstverständlich nur als schwache Ausrede für UnternehmensleiterInnen dienen, lässt es doch die Unternehmenskultur in keinem guten Licht erscheinen, wenn – und das ist auch so eine Übereinstimmung in nahezu allen Interviews – nur die positiven und somit bestätigenden Nachrichten ganz „nach oben“ durchgedrungen, alle anderen aber irgendwo im „hierarchischen Sand“ stecken geblieben sind. Dieses Muster lässt sich – abseits von Unternehmen – nämlich vor allem in Diktaturen beobachten.


Not just „Yes-Settings“…

Abgesehen davon, dass uns die Geschichte lehrt, dass eine Vielzahl von HerrscherInnen inkognito ihre Reiche bereist haben, um sich selbst eigene Eindrücke verschaffen zu können – es zählt zur Professionalität von Führungskräften (insbesondere jener der nullten und ersten Hierarchieebene) konstruktive KritikerInnen um sich zu scharen, regelmäßig in den „reflektierenden Modus“ zu kommen und in ständigem Dialog mit den unterschiedlichen Strömungen im Unternehmen zu sein und zu bleiben. Sonst machen sie schlicht und ergreifend keinen guten Job – Punkt.

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