Heiß oder kalt? Die Temperatur als Konfliktanalyse-Kriterium


Kommt Ihnen das bekannt vor? Sie betreten ein Zimmer und es umweht Sie ein kalter Lufthauch, eisiges Schweigen erfüllt den Raum, zudem legt sich eine unerklärliche Schwere auf Ihre Brust, Sie haben das Gefühl, ein zentnerschweres Gewicht um den Hals zu tragen, das Sie immer weiter hinunter zieht,…

Nein, ich beschreibe weder eine Szene aus „Psycho“ noch eine Sequenz aus „Schweigen der Lämmer“ sondern vielmehr häufige Wahrnehmungen und Gefühle, die von Menschen geschildert werden, die einen kalten Konflikt miteinander aufrecht erhalten, oder von Unbeteiligten, welche die „Arena“ eines solchen kalten Konflikts betreten.


Kalte Konflikte – Kommunikationsstillstand und enorme Anstrengung

Von kalten bzw. verdeckten Konflikten spricht man, wenn diese mit wenig Selbstvertrauen langwierig und oft langsam dahinschwelend ausgetragen werden. Dabei lassen sich oftmals ein Abkapseln der KonfliktpartnerInnen sowie kommunikativer Stillstand wahrnehmen. Aufgrund vorherrschender Enttäuschung und Frustration leidet sehr oft das Selbstwertgefühl der KonfliktpartnerInnen, diese erleben das Geschehen häufig als zermürbend und sehr anstrengend und energieraubend.


Heiße Konflikte – explosive Auseinandersetzungen und hoher Selbstwert

Als heiße bzw. offene Konflikten lassen sich solche bezeichnen, wo hohe Emotionalität mit hohem Selbstvertrauen gepaart ist. Die Kommunikation zwischen den KonfliktpartnerInnen verläuft direkt in oftmals heftigen und explosiven Auseinandersetzungen mit hohem Selbstwertgefühl – die KonfliktpartnerInnen sind „von der Sache“ überzeugt und kämpfen um die Durchsetzung ihrer Positionen.


Besser kalt oder heiß?

Und jetzt die „Gretchenfrage“: Wenn Sie wählen müssten, welche Temperatur kommt Ihnen den eher entgegen? Wenn Sie jetzt eher für die kalten Konflikte votieren, dann sind Sie in guter – weil großer – Gesellschaft: Da kalte Konflikte oft still und leise vor sich gehen, glauben viele Menschen, dass sie nicht so „schlimm“ sein können wie die oft lauten heißen Konflikte.

Doch Vorsicht: Gerade kalte Konflikte werden oftmals auf brutalste Art und Weise und sehr häufig zulasten Dritter ausgetragen. Als Beispiele können der Kollege in der Einsatzzentrale, der das läutende Telefon am Platz des Kollegen nicht abhebt, weil dieser, mit dem er einen kalten Konflikt aufrecht erhält, gerade eine unerlaubte Rauchpause im Sozialraum macht, dienen; oder der Oberarzt, der einen kalten Konflikt mit dem Primar durchexerziert und den Privatpatienten desselben während dessen Abwesenheit eine „ganz besondere Behandlung“ angedeihen lässt, usw.

Zudem wird häufig von einem oder mehreren bzw. allen KonfliktpartnerInnen das Bestehen eines Konflikts überhaupt abgestritten und werden „sachlich-fachliche Probleme“ oder „übliche Unstimmigkeiten“ ins Treffen geführt – ich bezeichne dieses Geschehen dann mit einem älteren Ausdruck als „sachliche Verbrämung“. In der Bearbeitung kalter Konflikte führt dann zumeist kein Weg am „emotionalen Anwärmen“ samt Konfliktvertiefung vorbei, sonst sind abschließende Vereinbarungen, die den Konflikt beenden oder besser aushaltbar machen sollen, oft das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

Und das ist dann das erst auf den zweiten Blick erkennbare „Angenehme“ an heißen Konflikten, solange diese nicht zu tätlichen Auseinandersetzungen führen: Die KonfliktpartnerInnen halten da mit ihren Gefühlen und Befindlichkeiten nicht hinterm Berg sondern servieren diese gleichsam „auf dem Silbertablett“. Wichtig ist sodann das Steigern der Bekömmlichkeit der aufgetragenen Speise für die\den jeweilige\n EmpfängerIn. Mittels der Einigung auf Grundregeln für die Kommunikation miteinander, der Verwendung von Ich-Botschaften, dem Identifizieren von Interessen, etc. kann dies oft ermöglicht werden.


Konflikt als Form der Beziehungsgestaltung

Zum Schluss noch der Hinweis, dass ein Konflikt per se weder gut noch schlecht, sondern lediglich eine von vielen Formen der Beziehungsgestaltung ist. Die Lösung besteht nicht immer darin, den Konflikt zum Verschwinden zu bringen…

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