Die Führungskraft als PsychotherapeutIn?


Im Rahmen des ersten Moduls des Praxislehrgangs „Coaching als Führungsstil“ hat vor kurzer Zeit eine Nachwuchsführungskraft eingebracht, dass lösungsorientierte Fragestellungen wie etwa „Was könnten Sie tun, um einen ersten Schritt in Richtung einer kleinen Verbesserung getan zu haben?“, „Was soll jedenfalls bleiben wie es ist, weil es gut ist wie es ist?“, etc. doch „sehr therapeutisch daher kommen und womöglich die MitarbeiterInnen überfordern bzw. massiv irritieren.“


Therapeutischer geht es fast nicht mehr…

In der Folge haben wir in vier Kleingruppen Fragen sammeln lassen, welche die TeilnehmerInnen selbst und andere Führungskräfte in ihrer Organisation „typischerweise“ häufig stellen bzw. gestellt bekommen. Nach Vergleichen der Kleingruppenergebnisse konnten die „Spitzenreiter“ identifiziert werden. Die Frage „Wie geht es Ihnen?“ landete unangefochten auf dem ersten Platz, gefolgt von „Was kann ich für Sie tun?“.

Die gesammelten Fragestellungen wurden sodann von den Teilnehmenden wiederum in (anders zusammengesetzten) Kleingruppen auf ihren „therapeutischen Charakter“ hin untersucht. Das Ergebnis war für viele sehr erstaunlich, denn wieder errang die „Wie geht es Ihnen?“-Frage die Goldmedaille.

Wie sich das erklären lässt? Nun, diese Fragestellung ist dermaßen unspezifisch, dass sowohl Berufliches als auch Privates, ja das gesamte Spektrum des menschlichen Lebens als möglicher Beantwortungsinhalt infrage kommen, also bei Vorhandensein einer intakten Vertrauensbasis auch Beziehungsprobleme, familiäre Schwierigkeiten, gesundheitliche Beeinträchtigungen, usw. in die Vorgesetzte\n-MitarbeiterInnen-Kommunikation Eingang finden können. Und was tut die\der Vorgesetzte dann damit? Sagt sie\er dann – weil sie\er ohnehin maximal fünf Minuten Zeit für die\den MitarbeiterIn oder aufgrund der Antwort Angst bekommen hat – dass „sicher bald alles wieder besser sein wird…“ oder „Kopf hoch, das wird schon wieder!“ ? Oder beginnt sie\er „herumzutherapieren“ und erkundigt sich genau nach den Details, um dann entweder gleich mit in die Problemtrance zu fallen oder mit gutgemeinten Ratschlägen zu brillieren?


Learnings der Gruppe

Die Lehrgangsgruppe hat schließlich folgende Lernerfolge versprachlicht (Zusammenfassung):

  1. Stelle als Führungskraft die Frage „Wie geht es Ihnen?“ erst gar nicht, sondern spezifiziere in Richtung „Wie geht es Ihnen bei der Bearbeitung der Aufgabe X?“ oder noch günstiger „Wie kommen Sie bei der Erledigung der Aufgabe Y voran?“.
  2. Auch die Frage „Wie geht es Ihnen derzeit bei Ihrer Arbeit?“ ist eine „Generaleinladung“, die, wenn sie vom\von der MitarbeiterIn angenommen wird, beim\bei der Einladenden die freie Verfügung über zumindest eine Stunde Zeit voraussetzt, will sie\er als ernsthaft interessiert und „gute\r GastgeberIn“ angesehen werden.
  3. Wird die Frage „Wie geht es Ihnen?“ als Floskel ge- bzw. missbraucht und ohnehin von niemandem mehr ernst genommen, dann ist sie überhaupt verzichtbar und substanziell der Wendung „U´re welcome!“ gleichzuhalten.
  4. Die zweithäufigste Frage mit dem Wortlaut „Was kann ich für Sie tun?“ ist zumeist ungünstig, wenn Sie zu Beginn eines Gesprächs gestellt wird. Im Rahmen der Struktur des „Wiener T-A-Z-A-Modells“ steht diese „Frage nach dem Auftrag“ erst an vierter Stelle, nach dem Benennen der Themen samt anschließender Auswahl des zu bearbeitenden Themas durch die\den GesprächspartnerIn, dem Entwickeln einer bestmöglichen Vorstellung zu diesem Thema in Zukunft und dem Einschätzen, wie weit sich das Erreichen dieses Anliegens in ihrem\seinem eigenen Einflussbereich befindet, und dem Vereinbaren eines Ziels für das Gespräch im Sinne der SMART-Kriterien. Die „Was kann ich für Sie tun?“-Frage am Gesprächsbeginn stellt häufig eine Einladung an den\die GesprächspartnerIn dar, Eigenverantwortung an den\die Vorgesetzte zu delegieren und die eigene Kundigkeit aus den Augen zu verlieren.
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2 Antworten zu “Die Führungskraft als PsychotherapeutIn?

  1. Hallo, Fragen sind Sprachmittel um Aufmerksamkeit zu fokussieren. Mit den Beispielen aus der Gruppenarbeit lässt sich dann prüfen, welche Annahmen eher enthalten sind und was es in Bezug auf Verantwortung und Ziele bedeutet. Das als Gruppenarbeit mit Führungskräften ist eine gute Anregung für mich.

    Vielen Dank.

    Christoph Schlachte

    P.S. http://schlachte.wordpress.com/ Schauen Sie unter Blogroll. Ok für Sie?

    P.S.1. Von Gunther Schmidts Arbeit konnte und kann ich auch gut lernen.

  2. Lieber Tom,
    Gratulation den Arbeitsgruppen! „Wie geht`s“ hat als Sprachspiel so viele kulturelle (unverbindliche) Bedeutungen, dass es entweder zur Beliebigkeit oder zur Missdeutung bei den KommunikationspartnerInnen anregt. Ich danke für die Anregungen der Arbeitsgruppen zur konstruktiven Konkretisierung!
    Mit lieben Grüßen
    Josef

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