Zweitbeste Anliegen oder: Erarbeitung der zu einem Thema zweitbesten Vorstellung\en in Zukunft im Coaching


Als essenzielle Basis für meine folgenden Ausführungen sind die Überlegungen von Gunther Schmidt zu „Sehnsuchtszielen“ zu nennen – von ihm durfte ich bereits sehr viel lernen…


Anliegen, deren Erreichen völlig oder weitgehend außerhalb des Einflussbereichs der Kundschaft liegen

Systemisch-lösungsorientiertes Coaching nach dem „Wiener T-A-Z-A-Modell“ folgt der Struktur, dass die Kundin\der Kunde auf Nachfragen seitens des\der Coach ihre\seine Themen benennt und in der Folge eines davon (jedenfalls ein Thema im beruflichen Kontext) zur Bearbeitung auswählt. Sodann wird durch den\die Coach die bestmögliche Vorstellung zu diesem Thema in Zukunft – Anliegen genannt – erfragt. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang das Hinterfragen, wieweit sich das Erreichen dieses Anliegens im eigenen Einflussbereich der Kundin\des Kunden befindet. In der Folge werden von Kundschaft und Coach ein Ziel im Sinne der SMART-Kriterien für das Gespräch entwickelt und dem\der Coach ein operabler Auftrag\operable Aufträge erteilt. So weit so gut…

Gesetzt den Fall, eine Kundschaft antwortet auf die Frage nach der bestmöglichen Vorstellung zum Thema „Arbeitsbeziehung mit dem Vorgesetzten“ in Zukunft mit „Der Vorgesetzte hat sich in einem Jahr um 360 Grad geändert.“ Was dann? Nun, gemäß dem T-A-Z-A-Modell fragen wir nach, wieweit bzw. zu wie viel Prozent sich das Erreichen dieses Anliegens im Einflussbereich unseres Kunden\unserer Kundin befindet. Üblicherweise wird eine Kundschaft dann mit „sehr wenig“, „gar nicht“, „zehn Prozent“, maximal ein Prozent“, usw. antworten. Und was dann?


Von Restriktionen\unlösbaren Schwierigkeiten

Nun, vielleicht konstruiert eine Kundschaft gerade eben eine Restriktion\unlösbare Schwierigkeit. Als Restriktionen oder unlösbare Schwierigkeiten können all jene Situationen und Erlebnisprozesse beschrieben werden, welche man zwar gerne ändern würde, die aber nicht von einem selbst oder überhaupt gar nicht geändert werden können – jedenfalls nicht mit den jeweils zur Zeit verfügbaren überschaubaren Möglichkeiten („Alles was ich gerne ändern möchte aber nicht direkt kann.“). Sehr häufig erleben sich Menschen dann als ausgelieferte hilflose Opfer. Um dieses unangenehme Erleben nicht ertragen zu müssen kämpfen sie oft mit direkten Veränderungsversuchen dagegen an, erschöpfen sich dabei und definieren sich in der Folge als grundsätzlich inkompetent – oder sie ergeben sich apathisch in „ihr Schicksal“.

Das Orientieren an einer bestmöglichen Vorstellung zu einem Thema in Zukunft, die nicht oder zu einem ganz geringen Teil aus eigener Kraft erreichbar ist, führt häufig dazu, dass wertvolle Möglichkeiten eigener Gestaltungsfähigkeit nicht optimal genutzt werden, obwohl man sehr wohl noch über viele Kompetenzen im eigenen Repertoire verfügen könnte. Damit Erfolgserleben und Erleben eigener Kompetenz aufgebaut werden können, ist es jedoch erforderlich Anliegen zu fokussieren, für die man selbst möglichst viel tun kann, die also weitgehend im eigenen Einflussbereich liegen.


Zwei Strategien für das hilfreiche Umgehen mit (Beinahe-)Restriktionen

Im oben genannten Beispiel stehen – ganz grob gesprochen – zwei unterschiedliche Strategien zur Verfügung:

  1. Die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten der bestmöglichen Vorstellung zu diesem Thema in Zukunft erhöhen und die eigenen möglichen Beiträge dahingehend überprüfen (etwa bei Beinahe-Restriktionen, z. B. wenn die Kundschaft von einer Beeinflussbarkeit im Ausmaß von zehn Prozent spricht), oder
  2. das Umgehen mit der Restriktion\unlösbaren Schwierigkeit optimieren.

Die erste Strategie könnte beispielsweise zu folgendem (zweitbesten) Anliegen führen: „Mein Anliegen unter den gegebenen Rahmenbedingungen ist also, dass ich mir in einem Jahr sagen kann, dass ich die mir zur Verfügung stehenden zehn Prozent Beeinflussungsmöglichkeit so gut wie irgend möglich genutzt habe und somit alles getan habe, um die Wahrscheinlichkeit der Veränderung meines Vorgesetzten um 360 Grad zu erhöhen.“

Die zweite Strategie könnte etwa zu nachstehendem (zweitbesten) Anliegen führen: „Mein Anliegen unter den gegebenen Rahmenbedingungen ist also, dass ich in einem Jahr so gelassen wie möglich mit meinem Vorgesetzten umgehen kann, unabhängig davon welches Verhalten dieser an den Tag legt.“


Procedere zum Vorgehen bei (Beinahe-) Restriktionen im Coaching

Für das möglicherweise hilfreiche Vorgehen bei sowie Umgehen mit (Beinahe-)Restriktionen im Coaching möchte ich Coaches folgendes Procedere nahe legen:

  1. Wertschätzen der bestmöglichen Vorstellung der Kundin\des Kunden zu einem Thema in Zukunft.
  2. Wertschätzen der Frustration der Kundschaft darüber, dass diese nicht erreichbar (gewesen) ist.
  3. Wertschätzen der KundInnen-Ambivalenz im Hinblick auf „schlechtere Alternativen”.
  4. Prüfen bisheriger Lösungsversuche auf Auswirkungen (bei Wertschätzen der Absicht).
  5. Bei ungewünschten Auswirkungen und Ähnlichkeiten des vorgestellten Anliegens mit diesen Lösungsversuchen: Meta-Kommunizieren der Zwickmühlen des\der Coach – auch „professionelles Herumeiern“ genannt: Würde man dieses Anliegen (und in der Folge ein entsprechendes Ziel für die Einheit sowie einen diesbezüglichen Auftrag) so annehmen, würde man wieder zu frustrierenden Ergebnissen für die Kundschaft beitragen; bei „Ablehnung“ dieses Anliegens könnte dies als Abwertung und Missachtung erlebt werden (dabei immer wieder Wertschätzen der bestmöglichen Vorstellung zum gewählten Thema in Zukunft).
  6. Anbieten von zweitbesten Anliegen (im Vergleich zur bestmöglichen Vorstellung), d. h. den besten unter den gegebenen Situationsbedingungen – dies auch so explizit definieren und wertschätzen, wenn sich der Kunde\die Kundin dafür entscheidet.
  7. Aussprechen der Einladung, das Umgehen mit der ungewünschten Restriktion in Zukunft optimiert zu haben und\oder
  8. Aussprechen der Einladung, Möglichkeiten in Zukunft zur Verfügung zu haben, welche dazu geeignet sind, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, das Eintreten des besten Anliegens anzuregen.
  9. Immer wieder wertschätzen: „Dies kann nur die zweitbeste Vorstellung zum Thema in Zukunft sein, viel besser wäre das beste Anliegen, und diese Ambivalenz und die Impulse, sich eher wieder damit zu identifizieren, dürfen immer wieder kommen – als >das bestmögliche Anliegen würdigende Kompetenzen<.“
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