Vom „Prinzip konstruktiver Verblödung“ nach Sven Nachmann


Wenn KundInnen im Coaching von sozialen Systemen berichten, die eine hohe Komplexität aufweisen, weil sich etwa schon diverse BeraterInnen intervenierend eingemengt, sich mehrere Probleme eingestellt, sich unterschiedliche Restriktionen gezeigt haben, etc. – dann besteht die Gefahr des Verlierens der Handlungsfähigkeit.

Das Berücksichtigen der Beratungsleitlinie „Reiz des Gegenteils“ bedeutet diesfalls das Befolgen der Regel, dass bei Systemen mit hoher Komplexität hilfreicherweise komplexitätsreduzierende Maßnahmen ergriffen werden sollten. Es geht dann nicht etwa um das Sammeln zusätzlicher Informationen, sondern vielmehr um das bewusste Ignorieren von solchen. Eine diesbezügliche Komplexitätsreduzierung macht das Auffinden von Anregungen für konstruktive Lösungen in der Praxis wesentlich wahrscheinlicher.

Nachstehend nun zwei Beispiele zur Illustration des „Prinzips konstruktiver Verblödung“:

1) Aus dem Film „Der Unglücksrabe“ von Woody Allen:

Mit einer Hand in der Jackentasche, die eine Pistole vortäuschen soll, betritt Woody Allen eine Bank, die er ausrauben will. Er legt dem Bankangestellten an der Kassa ein Stück Papier hin, auf dem geschrieben steht: „Es ist eine Waffe! Auf Sie gerichtet.“ Der Kassier reagiert darauf mit der Aussage: „Eine Waffel soll auf mich gerichtet sein? Na und?“ Woody Allen daraufhin: „Nein, nein, Waffe steht hier und nicht Waffel!“ Der Bankangestellte ruft einen seiner Kollegen zu sich und fragt diesen, was auf dem Zettel steht: „Heißt das nun Waffel oder Waffe? Ich finde, dass hier eindeutig Waffel steht!“ Schließlich flüchtet Woody Allen unverrichteter Dinge aus der Bank – es ist ihm nicht gelungen, das Personal von einem Banküberfall zu überzeugen. Was sagt uns das? Nun, jeder Banküberfall setzt einen kommunikativen Akt voraus, wobei sich die Akteure darauf verständigen müssen, dass ein Banküberfall vorliegt. Ohne diese Übereinkunft kann vieles stattfinden – nicht jedoch ein Banküberfall.

2) Zur Verhinderung von Flugzeugentführungen:

In den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts (also im „Prämobilfelefonie-Zeitalter“) wurde die Idee geboren, Flugzeugentführungen dadurch zu verhindern, indem das Cockpit vom Passagierraum einer Maschine vollständig getrennt und vollkommen isoliert werden könnte. Durch die dadurch sichergestellte Unmöglichkeit, Informationen aus dem Passagierraum ins Cockpit weiterzureichen, wären auch FlugzeugentführerInnen verlässlich daran gehindert, den PilotInnen die Mitteilung von einer Flugzeugentführung zu machen. Klar, eine Sprengung des Flugzeugs, ein Töten oder Verletzen von Passagieren, usw. – alles weiterhin möglich, nicht jedoch eine Entführung. Da mit einer solchen Maßnahme aber seitens der PilotInnen auch auf Notfälle wie etwa schwere Erkrankungen von Passagieren, Unfälle, etc. nicht mehr hätte reagiert werden können wurde diese Idee schließlich wieder fallengelassen.

In der Beratungspraxis bedeutet das Befolgen des erwähnten Prinzips etwa das bewusste Ignorieren von seitens der KundInnen angebotenen Informationen, welche vom Ziel für die Einheit abschweifen bzw. „ausufern“ durch die\den Coach\es. Diese können bis zur Zielerreichung zurückgestellt werden, andernfalls könnte das vereinbarte Ziel aus den Augen verloren bzw. die Komplexität des Gesprächs dermaßen erhöht werden, dass keine hilfreichen Handlungs- bzw. Lösungs- oder Copingstrategien co-konstruiert werden könnten.

Sollten diese Informationen seitens der Kundschaft jedoch wiederkehrend in das Coaching-Gespräch eingebracht werden, so ist seitens der\des Coach\es offenzulegen, ob das Ziel für die Einheit verändert werden sollte oder das vereinbarte weiterhin Bestand hat.

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Eine Antwort zu “Vom „Prinzip konstruktiver Verblödung“ nach Sven Nachmann

  1. Lieber Tom,
    in deinem Beispiel geht es um die subjektiven Einschätzungen (der Problemkonstellation) Waffe (höchstsignifikant) oder Waffel (harmlos). Ich nehme an du hattest bei deinen Ausführungen ein konrektes Praxisbeispiel vor deinen Autorenaugen/ in deinen Beraterohren. Verblüffend ist in deinen Ausführungen das Spiel mit extrem gegensätzlichen Begriffspaaren: (Waffe-Waffeln). Die angeführten Beispiele plädieren einerseits an paradoxes Könner-Heldentum:
    Läßt sich dein Credo zur „Anleitung zum Mitwirken an „HeldInnen-Katastrophen-geschichten“ andererseits wie folgt zusammenfassen: Bleibe bescheiden am „realistisch-realisierbaren Anliegen/Ziel und lasse dich nicht zu heldenhaften Szenarien verführen.
    Mit kollegialen Grüßen
    Josef

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