Irrationale Politik? Njein…


Politik auf nationaler, europäischer und auch internationaler Ebene in letzter Zeit zu beobachten ist – wieder einmal – ein Garant in Richtung „Haare raufen“: So warten etwa drängende komplexe ökonomische und ökologische Problemkonstellationen seit vielen Jahren bzw. Jahrzehnten auf angemessene Antworten (bzw. zumindest passende Fragestellungen). Und wer in den letzten paar Jahren angesichts der zu konstatierenden Zuspitzungen in mehreren Bereichen der Hoffnung anheimgefallen ist, dass das zur Gestaltung legitimierte politische System zunehmend unter Druck geraten würde, nun endlich viabel scheinende Zukunftsentwürfe für das große Ganze zu generieren – der wundert sich nunmehr umso mehr über kurzsichtige peinliche Debatten über „peanuts“, ausgeprägte Klientelpolitik der regierenden Parteien, die mittlerweile offensichtlich den Tellerrand eines Suppen- gegen jenen eines sehr kleinen Desserttellers eingetauscht haben, tagespolitisches Hickhack auf Nebenschauplätzen, die sich durch diese Bezeichnung bereits geehrt fühlen sollten, usw. Somit stellt sich die Frage nach der Irrationalität politischen Handelns wieder einmal mit besonderer Vehemenz.

Wobei die Antwortversuche auf der Basis systemischen Denkens vielleicht ein wenig unbefriedigend daherkommen: Für eine Vielzahl von BeobachterInnen außerhalb des gesellschaftlichen Subsystems „Politik“ muten dessen Kommunikationen irrational an. Im politischen System selbst jedoch sind diese ungemein rational. Ein Paradoxon also, ist ihre Irrationalität doch ihrer spezifischen Rationalität geschuldet. Wie das? Nun, der bipolare Kodex des gesellschaftlichen Subsystems „Politik” ist durch die Pole „wählen“ und „nicht wählen“ bzw. „gewählt werden“ und „nicht gewählt werden“ charakterisiert. Und der Druck ist groß, denn es wird regelmäßig im Vierjahresrhythmus gewählt. In Passung an diese Rahmenbedingungen lassen sich politische Parteien als „Wahlkampfmaschinen“ verstehen, sind jedoch völlig untauglich, längerfristige Entwicklungshorizonte zu komplexen Sachverhalten aufzutun oder gar eine diesbezügliche Steuerungsfunktion auszuüben. Das hindert das politische System jedoch nicht, sich überall einzumischen und mit schielendem Auge auf den nächsten Wahltermin so zu tun, als ob es den absoluten Durchblick hätte.

Es tut sein übriges, dass grundlegende Dynamiken wie Globalisierung und Transformation der Industrie- zur Wissensgesellschaft weiterhin zumeist auf Politik in der traditionellen Form des Nationalstaates treffen. Wie soll sie da bitte steuern und mit welchen Werkzeugen? Eine an Territorien gebundene nationalstaatliche Politik kommt einer umfassenden Globalisierung – etwa auf den Gebieten der Ökonomie, der Gesundheit, der Medien, etc. – nicht nach. Und internationale Verträge sowie Institutionen bedeuten nur sehr indirekte Möglichkeiten der Einflussnahme. Regierende PolitkerInnen arrangieren sich jedoch sehr rasch mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten – darum ist es so putzig zuzuschauen, wenn Parteien zwischen Regierung und Opposition wechseln und über Nacht oft genau das Gegenteil vom bislang Geäußerten vertreten.

Halten wir fest: Für dem gesellschaftlichen Subsystem „Politik“ Außenstehende muten dessen Kommunikationen sehr häufig irrational an. In diesem System jedoch werden diese Kommunikationen wieder ungemein rational. Und doch, es steckt schon im Begriff „Subsystem“ drinnen, dass es ein übergeordnetes\übergeordnete System\e gibt (Vgl. den Blogbeitrag „Ökosystemische Betrachtungen zum Jahreswechsel 2009\10“). Das Überleben eines untergeordneten Systems hängt somit unmittelbar davon ab, ob es den vom übergeordneten System („Gesellschaft“) zur Verfügung gestellten Rahmen einhält, sonst „sägt es am eigenen Ast“. Und gemäß dieser Sichtweise\in diesem Kontext wird das Rationale somit wieder irrational. Also doch.

Wie ließe es sich nun anstellen, komplexe Materien nicht dem untauglichen politischen System mit seinen kurzfristigen parteipolitischen Kalkülen zu überlassen, damit adäquate Auseinandersetzungen stattfinden können? Nun, dazu bedürfte es Institutionen, die in der Lage sind, strategisch zu arbeiten, etwa Thinktanks, Stiftungen, NGOs. Die zukünftige Rolle einer sich zur Bescheidenheit bekennenden Politik könnte dann darin bestehen, verteilte Intelligenz als Steuerungsmodell zu integrieren, indem sie das Wissen unterschiedlicher ExpertInnen bündelt und zwischen diesen moderiert. Was das ist? Man könnte sagen: Zukunftsmusik. Oder auch: ein frommer Wunsch.

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