Coaching: „Auszeichnung“ für die Kundschaft oder „letzte Chance“?


Kurz vor Sommerbeginn erhielt ich einen Anruf von einem Abteilungsleiter eines mittelständischen Industriebetriebs zwecks Vereinbarung eines Termins für eine erste Coachingeinheit. Ich war positiv überrascht, dass mein Gesprächspartner, obwohl er gleich einleitend anmerkte, noch nie ein Coaching in Anspruch genommen zu haben, über eine Vielzahl von relevanten Informationen (Definition, Qualitätskriterien, häufige Themenstellungen, usw.) verfügte. Auf meine Fragen in Richtung Auftragsklärung (etwa „Wer kommt auf die Idee, dass ein Coaching hilfreich sein könnte?“, „Wer wird den Erfolg der Coachingmaßnahme wie und woran messen?”, etc.) erklärte mir mein potenzieller Kunde, dass er gerne – ohne jemandem Bericht erstatten zu müssen – aus eigenem Antrieb ein Coaching machen wolle und verwies mich auf die im Unternehmen für Coaching zuständige Personalentwicklerin, die ich doch bitte kontaktieren möge, weil diese über sämtliche Details des „Coachingprogramms für die erste und zweite Führungsebene“ Auskunft geben könne.

Dies sagte ich gerne zu und wir vereinbarten einen Coachingtermin drei Wochen später, wobei ich eine kurze telefonische Kontaktaufnahme mit ihm nach meinem Gespräch mit der Personalentwicklerin in Aussicht stellte, um bei entsprechender Passung den Termin endgültig zu bestätigen oder aber abzusagen.

Besagte Personalentwicklerin übersandte mir in der Folge die für das erwähnte Programm Anwendung findenden Richtlinien für Coaching und erbat – unter der Voraussetzung, dass ich diese Richtlinien als Allgemeine Geschäftsbedingungen (und somit Vertragsinhalt) akzeptieren könne – ein Angebot meinerseits, das ich aufgrund weitgehender Übereinstimmung mit meinen eigenen Coaching-AGB umgehend legte. Zwei Tage später erhielt ich mein Offert unterzeichnet per Telefax retour und konnte den Termin telefonisch bestätigen.

Ich bin „schwer beeindruckt“, wie professionell dieses Unternehmen mit der Coachingthematik umgeht, besonders in Hinblick auf die definierten Qualitätskriterien in den unterschiedlichen Dimensionen sowie die umfassende Transparenz. Und mein Kunde? Nun, hier ein paar wörtliche Statements von ihm: „Ich habe Sie als Sparringpartner zur Reflexion meiner Führungstätigkeit ausgewählt“, „es ist eine Auszeichnung für mich, verbunden mit meiner Beförderung jetzt unter anderem auf Coaching zurückgreifen zu können“, „das Unternehmen zeigt mir auch dadurch seine Anerkennung für meine Tätigkeit“ und „bei wichtigen Themenstellungen Coaching in Anspruch zu nehmen ist bei uns ein Zeichen für Professionalität“. Es lässt sich wohl leicht nachvollziehen, dass ein solcher Kontext sich als für einen Coachingprozess überaus günstig erweist.

Und dann gibt es auch Unternehmen, wo Coaching im Ruf steht, „letzte Chance vor der Kündigung“, „Maßnahme zur Defizitkorrektur“, „Nachhilfeunterricht für Leistungsschwache“, usw. zu sein und Coaches als „HumanmechanikerInnen“, „externe Führungskräfte“, „InformantInnen der Geschäftsleitung“, etc. betrachtet werden. Auch solche Wirklichkeitskonstruktionen kommen nicht von ungefähr. Hier wird hilfreiches Arbeiten schwierig und haben Coaches ein besonders hohes Maß an Verantwortung gegenüber ihren KundInnensystemen. Dabei trennt sich die Spreu vom Weizen, hier zeigt sich BeraterInnen-Professionalität auf sämtlichen Ebenen, treten „Haltungsschäden“ und Blauäugigkeiten von BeraterInnen offen zutage – mit zum Teil verheerenden Auswirkungen für Kundschaften.

Zur Illustration seien beispielhaft genannt: Keine oder mangelnde Kontext- bzw. Auftragsklärung; Akzeptanz (oder auch Unkenntnis) von Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Unternehmens, die Berichtspflichten von BeraterInnen\Coaches an Unternehmensorgane vorsehen (und naives Vertrauen auf mündliche Verschwiegenheitszusagen); Rechnungslegung mit Namensnennung der Kundschaft an den „Einkauf“ bzw. an das „Accounting“ des Unternehmens bei gleichzeitiger Betonung der „total wichtigen“ Vertraulichkeit; nennen bzw. „andeuten“ von im Rahmen einer Coachingeinheit Erfahrenem gegenüber anderen Personen (Unternehmensangehörigen oder auch Externen) … und so weiter und so fort. Unternehmen und potenziellen Coaching-KundInnen sei jedenfalls geraten, der Auswahl einer\eines passenden „Sparringpartnerin\Sparringpartners“ große Aufmerksamkeit zu widmen: Titel oder Vereinszugehörigkeiten haben oftmals gar nichts zu bedeuten, Superlative hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten, Erfahrungen, etc. sollten eher misstrauisch machen.

Vielleicht könnten sich ja beispielsweise die wahrnehmbare wertschätzende Haltung der Beraterin\des Beraters für ihre\n\seine\n GesprächspartnerIn, seine\ihre verschriftlichten „Schutzgarantien“ für die potenzielle Kundschaft und ihre\seine Transparenz hinsichtlich der eigenen Person\Kompetenzen als tragfähige Entscheidungskriterien anbieten?

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2 Antworten zu “Coaching: „Auszeichnung“ für die Kundschaft oder „letzte Chance“?

  1. Auch aus meiner Sicht sind Kunden, die für sich den Wert des Coachings als wichtige PE/HR Maßnahme erkannt haben und damit offen und transparent agieren, sehr fortschrittlich. Coaching ist dann sozusagen ein Angebot zu dem „freiwillig“ ja gesagt werden kann.

    Andere Weiterbildungsmaßnahmen, wie fachliche Trainings und Workshops werden in Unternehmen meist angeordnet. Ich erlebe viele Unternehmen, in denen Coaching auch „angeordnet“ wird.

    Dagegen ist aus meiner Sicht überhaupt nichts zu sagen. Dann wird der „Kunde“ geschickt. Für den Coach gilt es dann mit dem „Kunden“ zu klären, wie unter den Rahmenbedingungen daraus ein unterstützendes Konzept für den „Kunden“ werden kann.

    Für alle Seiten sollte klar sein, dass Vertrauen in der Organisation das wichtigste „Gut“ ist. Sollte „Coaching“ z.B. als heimliches Assessment missbraucht werden, dann wird das sehr ungünstige mittel- und langfristige Folgen in der Zusammenarbeit in der Organisation haben. Damit verbunden sind negative Auswirkungen auf Unternehmensergebnisse, Produktivität und Innovationsfähigkeit.

    Sollte nun jemand als „Kunde“geschickt werden, bieten sich unter anderem folgende Fragen an, um einen möglichen Kunden zu gewinnen. Im Coaching Prozess brauche ich einen „Kunden“ im Sinne von Steve de Shazer, sonst macht das natürlich keinen Sinn für alle Beteiligten. Ein Kunde mit einem Thema, an dem er/sie arbeiten möchte.

    „Nachdem Sie und ich hier sind und es den Auftrag von Herrn/Frau X gibt dieses Thema Y anzugehen, was macht für Sie Sinn?“ „Was möchten Sie in der Coaching Zeit erarbeiten, so dass Sie danach sagen, dass hat was für mich gebracht?“

    „Hätten Sie Interesse daran mit mir daran zu arbeiten, dass niemand mehr auf die Idee kommt, dass Sie ein Coaching brauchen?“

    Mit besten Grüßen

    Christoph Schlachte
    http://www.systemische-unternehmensberatung-und-coaching.de/

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