Monatsarchiv: Januar 2014

Coachen ohne Auftrag – „Consulten kannst morgen wieder…“


Ein Gastbeitrag von Dominik Hofer

Eine Situation, die möglicherweise einige kennen: Wenn man sich selbst dabei erwischt oder dabei erwischt wird, „coaching-like“-Ansätze in Situationen zu verwenden, in denen ganz klar kein Auftrag zum Coachen besteht.

„Consulten kannst morgen wieder….“, eine Aussage meines lieben Kollegen Pepi, seines Zeichens Kontrabassist. Erwähnenswert ist dieses Faktum hier vor allem deswegen, um die unterschiedlichen Kontexte auszuweisen und die Unangebrachtheit meines Handelns auszudrücken – und um mich selbst nochmals zu schelten…

Die Situation war die: Aus einer ganz formlosen Vorbesprechung für ein Konzert bei einer Probe weiteten sich die Themen aus und bekamen eine, sagen wir mal, eigene Dynamik, die mir seltsam vertraut vorkam. Woher? Ich steckte gerade mitten im Abschluss meiner systemischen Coachingausbildung. Den Kopf vollgepackt mit tollen neuen Fragetechniken, der Boden meines Denkens noch nicht ganz wieder gefestigt nach dem großen Paradigmenwechsel einer systemischen Haltung, neuen Modellen und dem Feuereifer, mein neu erworbenes Wissen anzuwenden. Und so legte ich los – mit allem was mir mein systemischer Werkzeugkoffer zur Verfügung stellte.

Um es kurz zu sagen: Hier hatte ich Glück! Die humorvolle Aussage „Consulten kannst morgen wieder“ meines Kollegen war ein (beiderseitig) völlig schmerzfreier Fingerzeig in die Richtung „hier bitte nicht coachen!“.


„Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht“

sagt ein bekanntes Sprichwort. Dass meine Intention in dieser Geschichte eine gute war, möchte ich mir nicht mal selbst abschlagen. Jedoch vergaß ich zumindest ein A – nicht etwa die „Tripple AAA“ Kreditwürdigkeitszertifizierung meiner Bank – sondern das A wie Auftrag (wem das zu kryptisch ist, der möge bitte unter „Wiener T-A-Z-A-Modell“ nachsehen…). Und auch das stellt hier nur eine „Halbwahrheit“ dar.

Eine der Fragen der Auftragsebene lautet: „Wie könnte ich zur Erreichung Ihrer\Deiner Ziele hilfreich sein?“ und ist an eine Kundschaft gerichtet. Enthalten in dieser Frage sind bereits: Kunde – Zieldefinition – Erreichung… Dinge, an denen wir im Coaching beständig arbeiten. (Zeigen Sie mit mir gemeinsam etwas Güte und sagen wir mal: Verständlich, dass man mit Volldampf drauf los fährt, wenn man das mal alles hat. Auch wenn es hier nur oberflächlich stimmt und rein der Welt der Fiktion entsprungen ist – von unprofessionell ganz zu schweigen!)

Um ganz sauber“ zu bleiben, sollte man mit einer Frage wie etwa „Coaching oder Coaching-affines Gespräch gefällig?“ starten, um das einzuholen, was wir für jegliche Intervention als intrinsische Notwendigkeit des Kunden erachten: Seinen Wunsch nach Veränderung.

Ein eindeutiges „JA!“ seinerseits an dieser Stelle wäre notwendig gewesen, um meinen Kollegen in einen „Kunden“ zu verwandeln. Ich warne auch hier davor, Schweigen als Zustimmung zu interpretieren.


Die Qualität
„hochgeistiger Gespräche“ und der Verlust von Volumsprozent

Resultierend aus solch einem Verhalten könnten Sie möglicherweise dauerhaft Folgendes verlieren: Sie werden in Zukunft wenig Gelegenheit zu „hochgeistigen Gesprächen“ mit Freunden und Kollegen bekommen. Und mit hoch geistig meine ich durchaus Gespräche, die während der Konsumation von mehr oder weniger geistigen, also hochprozentigen Getränken geführt werden. Sollte Ihnen von Ihrem Gegenüber die Möglichkeit zu einem solchen Gespräch geboten werden, können Sie beinahe davon ausgehen, dass Sie an dieser Stelle

a) „eine Schulter zum Ausweinen“,

b) „der emotionale Briefkasten“,

c) Beichtvater\Beichtmutter, bzw.

d) eine Kombination der genannten Varianten oder etwas Ähnliches (in vollster Wertschätzung) sein DÜRFEN!

Sollte das so sein wird man mit seinem ganzen Werkzeugkoffer toller Fragen und Lösungsorientiertheit einpacken können. Hier dürfen Sie etwas ganz anderes als Coach sein. Hier darf man sich auch mal der Dynamik von Problemtrancen hingeben, gemeinsam jammern, klagen und manchmal sogar zusammen leiden.

Als systemisch-lösungsorientierter Coach vertrete ich eine Haltung und Kultur der Wertschätzung. Zu coachen, ohne dazu aufgefordert zu werden, jemand anderem seine momentane Auffassung von Lösungsorientierung aufzudrängen (vor allem wenn es sich um einen nahen Menschen handelt) ist alles andere als gelebte Wertschätzung.

Darüber hinaus verweigern Sie Ihrem Gegenüber in solchen Momenten Positionierung. Doch Nähe und Empathie drücken sich auch durch das Beziehen einer Position aus.

Zum Schluss möchte ich hier, resultierend aus meiner persönlichen Erfahrung, meine Sicht teilen:

Es geht mir nicht darum, professionelle und private Haltung zu trennen und\oder Vorteile einer solchen Trennung aufzuzeigen. Schlichtweg macht es sich bezahlt, eine gewisse Sensibilisierung zu diesem Thema zu entwickeln.

Die für mich eindrucksvollsten und wertvollsten Persönlichkeiten waren stets jene, die möglicherweise hilfreiche Werkzeuge wohl wissend mit sich führten, und diese aber auch bei Bedarf „stecken lassen“ konnten. Geringschätzig finde ich auch eine Haltung, die aus einem Konstrukt a la „ich wüsste etwas Hilfreiches aber ich teile das nicht mit Dir“ resultiert. Auch wenn man Hilfe ohne Auftrag aber sehr wertschätzend als Angebot formuliert, das eben auch ausgeschlagen werden kann, läuft man dennoch Gefahr, eine Antwort wie „consulten bitte morgen wieder“ zu bekommen. Und das ist auch gut so, dafür bin ich meinem lieben Kollegen Pepi auch dankbar.
Anmerkung: Dominik Hofer, BA ist als Coach und Trainer sowie als Musiker in unterschiedlichen Feldern tätig – sowohl in Österreich als auch international.

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