„Wer nicht handelt, wird behandelt“ oder: Es hat einen Preis, die Verantwortung in die Hände eines „Erlösers“ zu legen


Ist es nicht großartig, all diese Zeitersparnis: Vorbei die ineffizienten Tage, als wir unter „persönlichem Kleidungsstil“ noch verstanden haben, nach aufwändiger Suche eine ganz bestimmte Hose mit einem beim letzten Italienaufenthalt erstandenen besonderen Hemd zu kombinieren – und dazu noch spezielle Schuhe zu tragen, die, braun an den Füßen eines für sein lässiges Outfit bewunderten Bekannten steckend, erst einmal – zwecks Unterscheidung – in schwarzer Farbe für die Komplettierung der eigenen Erscheinung aufgetrieben werden „mussten“. Kein Zweifel: Ein erklecklicher Zeitaufwand.

Heute geht das so: Im Web etwa zu „Outfittery“, „Modomoto“ oder „About You“ surfen, prototypische „Styles“ anklicken, ein paar Vorlieben nennen, vielleicht sogar gemeinsam mit einem Call Center-Herrn einen standardisierten Fragebogen am Telefon oder im Chat abarbeiten, ein bis drei „Packages“ bestellen, alles kommt bald per Post – und fertig ist der „individuelle“ Stil. Kein Zweifel: Eine große Zeitersparnis.

Dieses Prinzip lässt sich (und wird auch) ohne große Mühen auf andere „Güter“ übertragen, als Beispiele mögen Musik (etwa „Spotify“), Literatur (etwa „Amazon“ – „Wird oft zusammen gekauft“, „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch“), Reisen („Unplanned“ bzw. diverse andere Unternehmen, die das sogenannte „blind booking“ anbieten) oder auch die PartnerInnensuche (z. B. „Parship“ und viele andere Anbieter) dienen. Kein Zweifel: Eine große Zeitersparnis.

Doch zu welchem Preis, richtiger sollte es heißen: Zu welchen Preisen?

Zunächst fallen das Aufgeben der „kleinen“ Anbieter bzw. deren oftmals existenzielle Probleme ins Auge: Was ist mit den Einzelhändlern im Modesektor, den Betreiberinnen von Plattenläden, den Buchhändlern, den kleinen Reisebüros, usw.?

Damit zusammenhängend: Was ist mit den Kommunikationsangeboten, welche diese ihren Kundinnen und Kunden, oftmals sogar richtigen „lokalen Szenen“, zur Verfügung gestellt haben und stellen? Mit dem durch sie mitbedingten Meinungsaustausch und „Meinungshandel“, dem „Grätzel- bzw. Kiezleben“? Stattdessen Facebook? Dazu mehr in einem eigenen Blogbeitrag in Bälde…

Sehr spannend jedenfalls bei genauerem Hinsehen und Nachdenken: Wenn wir immer mehr von diesen Angeboten nutzen, wird unser Leben sukzessive frei von Überraschungen. Dies klingt zunächst wenig nachvollziehbar. Bedenken Sie jedoch, illustriert etwa am Bekleidungsbeispiel: Das stattfindende Reduzieren der Komplexität der Kommunikationsbeziehung (=Geschäftsbeziehung) durch das Zusammenspiel von Ihnen und dem Komplettanbieter stellt für diesen einen Rahmen sicher, der es ihm ermöglicht, sein Warenangebot überschaubar und die anfallenden Retouren beherrschbar zu halten, um sein wirtschaftliches Überleben wahrscheinlicher zu machen bzw. zu sichern. Dieser Rahmen nun ist Ihr „individueller Freiheitsrahmen“ zum Thema „persönliches Outfit“ (welches übrigens einen durchaus relevanten identitätsstiftenden Faktor bedeuten kann).

Und das Ergebnis mag zwar (besonders bei den ersten Lieferungen) das eine oder andere Produkt aufweisen, zu dem Sie in einem Geschäft nicht so ohne weiteres gegriffen hätten. Große Überraschungen werden jedoch – so das System des Anbieters für diesen funktioniert – ausbleiben. Nahezu jedes dieser Systeme ist mittlerweile – gespeist durch Ihre Retouren sowie Ihr Feedback – „selbstoptimierend“, Ihr Freiheitsrahmen wird somit konsequenterweise immer enger. Interessant auch die vermehrten Schilderungen von Nutzerinnen und Nutzern von „blind booking“-Angeboten, die „eigenartigerweise“ bei Nichtausschließung der üblicherweise von Ihnen angesteuerten Destinationen bei der „Rahmengenerierung“ dann „überraschenderweise“ kurz vor Reiseantritt erfahren, dass es wieder mal nach Barcelona geht.

Kurz gefasst: Das individuelle Angebot muss Schein bleiben, es scheitert an der Macht von Skalierungseffekten. Gegen die Überraschung spricht das Erfordernis eines für den Anbieter funktionierenden Geschäftsmodells, der eines mit Sicherheit nicht braucht: Eine Irritation des Leistungsempfängers, die zur Zurückweisung und darüber hinaus zum zukünftigen Nichtkonsum führt.
Und klar – die Dosis macht das Gift: Es kann durchaus sein, dass das automatische regelmäßige Nachliefern von Socken des gleichen Modells in der gleichen Farbe in einer definierten Frequenz eine begrüßenswerte Zeitersparnis bringt. Zeit, die dann für Wichtigeres zur Verfügung steht. Gestatten Sie mir jedoch den Hinweis, dass das Kumulieren von ersparter Zeit schließlich die Frage nach dem „Zeit wofür?“, nach der alternativen Nutzung dieser nunmehr zur Verfügung stehenden Zeitressourcen, aufwirft.

Zu bedenken ist, dass eine steigende Dosis hinsichtlich der Nutzung dieser zeitsparenden Angebote dazu führen kann, dass das „Vorabdelegieren“ von Entscheidungsmacht in immer mehr Lebensbereichen zusehends mehr überraschungsfreie Räume provoziert und produziert, die keine – im positiven Sinne – verstörenden Anregungen mehr für uns bereithalten. Frage: Wieviel Fadesse verträgt unser Leben?

Schließlich: Jede Entscheidung, die wir treffen, hat Auswirkungen, für die es die Verantwortung zu übernehmen gilt. Wenn wir die Auswirkungen sehr vorhersehbar halten und die Verantwortung für diese durch Vorabübertragung der Entscheidungskompetenz an einen – wie auch immer gearteten – „Erlöser“ (und sei es ein Algorithmus) übertragen, dann kann uns dies ein Gefühl der Unschuld vermitteln, wenn trotzdem mal was schiefgeht. Und das macht Schule. Eigenverantwortliche Entwicklung und das Erleben von Selbstwirksamkeit sind damit aber nicht drin. Und bis zum „Wer nicht handelt, wird behandelt“ ist es dann nicht mehr weit.

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2 Antworten zu “„Wer nicht handelt, wird behandelt“ oder: Es hat einen Preis, die Verantwortung in die Hände eines „Erlösers“ zu legen

  1. Danke für den interessanten Beitrag, ich habe mir auch oft über dieses Thema Gedanken gemacht. Ich denke, dass viele von uns in diesem „Optimierungswahnsinn“ ein weiteres Spielzeug sehen: „schau mal, unsere neue Hausschlampe (O-Ton)“, sagte mir neulich meine Freundin, auf ihre Alexa von Amazon deutend. „Ich komme nach Hause, sage: Alexa, spiele Ö3, und muss nicht mal den Knopf drücken“ …
    Mag auch nett sein, mir macht es aber eine riesen Freude, die Bücher/CDs/Kleidung und sonst was noch selbst in die Hand zu nehmen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Um zu BEGREIFEN und zu spüren, ob was zu mir passt und ob ich das brauchen kann.
    Mich freut es auch zu sehen, dass sich ein gegenseitiger Trend langsam entwickelt und immer mehr Menschen nicht mitspielen wollen, wie meine Teenager-Tochter, die ihre Bücher selbst aussucht, berührt, spürt, und oft auch in Antiquariats-Läden, wohin sie ihre durchgelesene Exemplare auch gerne bringt.
    Ich denke, es werden immer sowohl die „Optimierungsprofis“, als auch „Slow-down-Liebhaber“ bleiben, wir können nicht alle immer schneller rennen, irgendwann haben wir ja nichts mehr zum optimieren 😉 und arbeiten noch mehr, um das Ganze zu finanzieren.

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  2. Gefällt mir. Ganz besonders der Blick in die Tiefe menschlicher Handlungsweisen und deren Motivationen.

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