„Die Geister, die ich rief“


„Und sie laufen! Nass und nässer wird’s im Saal und auf den Stufen, welch entsetzliches Gewässer! Herr und Meister, hör mich rufen! Ach, da kommt der Meister. Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los!“

Wer kennt sie nicht, Goethes Geschichte vom Zauberlehrling, der den Besen verhext und ausschickt, um Wasser vom Fluss zu holen. Doch er vergisst das Zauberwort, um den Besen wieder zu stoppen – und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Als solch ein Zauberlehrling stellt sich aktuell beispielsweise „Facebook“, eines der weltweit einflussreichsten Unternehmen der Gegenwart, dar. Dessen große Popularität basiert auf dem Netzwerkeffekt: Der Vorteil für jede Nutzerin und jeden Nutzer, Teil eines Netzwerks zu sein, wächst mit der Anzahl der Nutzerinnen und Nutzern desselben. Gleiches gilt für den Nachteil, wenn man nicht dabei ist. Und je öfter man Facebook nutzt, desto zuverlässiger erfolgt ebendort das „Bespieltwerden“ mit Nachrichten, Werbung, usw. jener Art, die man bislang bereits nachgefragt bzw. goutiert hat. Die Algorithmen, die da am Werk sind, stellen sukzessive sicher, dass – wie es so schön im „Produktquadranten“ des Marketing-Mix-Konzepts heißt – vielversprechende homogene Zielgruppen ausgemacht werden können. Und solche sind ja die Voraussetzung für jedes professionelle Produktmanagement.

Klar, dass ein solches Angebot attraktiv für Unternehmen ist, sie zahlen bereitwillig dafür: Denn die Praxis zeigt, dass diese sich durch das Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer selbstoptimierenden Systeme die aufwändigen und oft weit weniger treffsicheren Zielgruppenanalysen der Vergangenheit entbehrlich machen. Der Preis dafür? Etwa das Delegieren der Verantwortung und damit der Entscheidungsfreiheit in Bezug auf den persönlichen Konsum an den „Erlöser Algorithmus“. Besen verhext, Besen ausgeschickt, alles gut.

Alles gut? Der Zweifel des Zauberlehrlings wächst. Denn die zum Einsatz gelangenden Algorithmen führen denklogischerweise zu immer enger anliegenden Scheuklappen bei den Nutzerinnen und Nutzern, es findet eine Abschottung in „filter bubbles“ statt, wo die Mitglieder diverser „digital tribes“ einander wechselseitig die eigenen Meinungen bestätigen. Ich möchte sie Echokammern des Schreckens nennen. Warum das? Nun, einerseits dringen über kurz oder lang kaum mehr Ansichten, Ideen bzw. Auffassungen zu den Stammesmitgliedern durch, welche dazu geeignet wären, die aktuellen Positionen (im bestmöglichen Sinne) zu verstören, also eine Reflexion des eigenen geistigen Repertoires anzuregen. Und andererseits öffnen sie Tür und Tor für „intruders“, welche, die vorherrschenden Meinungen bestätigend, eine „passende Zutat“ mit emotionaler Dramatik, für Außenstehende oft nahezu hysterisch anmutend, hinzufügen und das Mindset der Stammesmitglieder massiv und schlagartig beeinflussen.

Solch ein digitaler Stamm hat dann zumeist wenig mit anderen Stämmen zu tun. Und wenn sie dann doch mal aufeinandertreffen? Dann gibt es keine friedlichen Debatten mit dem Ziel, Meinungsdifferenzen zu überbrücken. Nein, es gibt Krieg. Krieg, der – weil von anonym bleibenden Heckenschützen geführt – kaum Grenzen kennt und mit teils unglaublicher Brutalität geführt wird.

Mittlerweile ruft der Zauberlehrling verzweifelt nach seinem Meister, will Facebook dieses Jahr 10.000 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einstellen, um „die politische Meinungsvielfalt künftig besser zu schützen“, wie kolportiert wird, und um „hasserfüllte Inhalte zu löschen, Hetze sowie Fake-News zu unterbinden.“ Das geht ins Geld, daher sollen „große Veränderungen eingeleitet“ werden. So hat der Unternehmensgründer Zuckerberg einen radikalen Umbau des Newsfeeds angekündigt. Dieser soll wieder persönlicher werden und mehr Einträge von „Facebook-Freunden“ anzeigen. Ob dies das richtige Wort ist, um den Besen zu stoppen? Es darf bezweifelt werden, denn die Stammesmitglieder sind ja genau diese „Freunde“, mit denen hängt man ja den ganzen Tag lang in der Echokammer herum.

Doch warum haben die Menschen nicht über kurz oder lang einfach genug von Facebook oder ähnlichen Angeboten? Auf den Namen „Computer Aided Persuasive Technology“ oder kurz „Captology“ hört der Überredungskünstler, eine Verführung aus dem Labor, die für die erforderlichen Impulse sorgt, die ein „Immer wieder-Nutzen“ provozieren, die das Benutzen zu einer automatischen Handlung werden lässt.

In ein paar Tagen können Sie in diesem Blog einen Beitrag mit dem Titel „Captology – verlockende Sucht“ lesen.

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Eine Antwort zu “„Die Geister, die ich rief“

  1. Hat dies auf Blütensthaub rebloggt und kommentierte:
    Echokammern des Schreckens

    Gefällt 1 Person

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