Archiv der Kategorie: Splitter 02\2012

Defizite in Fähigkeiten verwandeln: Die Geschichte vom schüchternen Bären und der Eule


Es war einmal ein Bär namens Chary, so ein richtig niedlicher putziger Bär. Aber Chary hatte ein Problem, nämlich seine Schüchternheit.

Wenn er mal wieder Nachschub an Honig benötigte – und das war recht häufig der Fall, weil Chary Honig über alle Maßen liebte – und sich vor dem „Honey in one minute“-Laden in der langen Warteschlange anstellen musste, konnte es schon vorkommen, dass er jedem, der ihm mit dem Argument kam, es eilig zu haben, den Vortritt ließ. Wenn er dann drei Stunden später endlich an der Reihe war, ergatterte er oft nur mehr ein kleines Glas von dem begehrten Blütenhonig, was ihn dann manchmal die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag ärgerte.

Oder wenn er hin und wieder Madeleine Bearowicz begegnete, dem schönsten und charmantesten Bärenmädchen weit und breit, dann fing er an zu beben und so zu erröten, dass seine Schnauze ganz exakt die gleiche Farbe annahm, wie wenn er – was er nur ganz selten tat – einen halben Liter Honigwein getrunken hätte. Und wenn sie ihn dann auch noch anlächelte, weil sie ihn, zumindest hatte ihm sein Arbeitskollege, der Hund Paddy, das gesagt, gern mochte, dann pfiff ihm heiße Luft aus den Ohren vor Aufregung und er brachte nichts anderes als ein leises gehauchtes „Hallo Madeleine, es ist schön, Dich zu sehn“ heraus, so verrückt verzückt verzaubert verschüchtert war er von ihrem Anblick. Und es quälte ihn eine ganze Woche, sie wieder nicht ins Freiluftkino am Waldsee eingeladen zu haben.

Ganz schrecklich fühlte er sich auch, wenn er bei einer der wöchentlichen Teambesprechungen in der Arbeit – er liebte seinen Job in der Teddybär-Manufaktur und ging mit Leib und Seele in dieser Beschäftigung auf, weil er wusste, dass viele Kinder mit solch kuscheligen Teddybären große Freude hatten – wieder einmal aus Schüchternheit vor allem aufmerksam zugehört und nur gesprochen hatte, wenn er direkt gefragt worden war, wohingegen die Kolleginnen und Kollegen munter drauf los geredet, Ideen eingebracht, kritisiert, usw. hatten.

Als er eines Tages nach einem Zusammentreffen mit Madeleine Bearowicz, wo er wieder nicht mehr als ein gesäuseltes „Hallo Madeleine, es ist schön, Dich zu sehn“ hervorbringen hatte können, sich traurig auf einen Felsen setzte und vor Unglück mit feuchter Schnauze vor sich hin schniefte, hörte er plötzlich eine Stimme aus der Baumkrone über ihm.

„Servus Chary, na, was ist denn mit Dir los?“ Es war die Eule Isabella, ein überaus weises Tier, von der niemand im Wald das genaue Alter wusste, denn sie war die Allererste hier gewesen und eine Dame fragt man nicht nach ihrem Alter, das gehört sich nun mal nicht. Chary klagte Isabella sein Leid. Dicke Tränen kullerten das hübsche rotbraune Bärenfell hinab und versickerten in der Wiese.

„Also ich weiß ja nicht“, sagte Isabella, „ich habe ja den Eindruck, dass Du überall beliebt bist und Dich ganz viele hier im Wald und darüber hinaus schätzen und gern haben.“ „Meinst Du wirklich?“ Chary war sehr erstaunt. „Aber ich bin doch so schüchtern, das ist doch eine ganz furchtbar schlechte Eigenschaft! Glaubst Du echt, dass mich trotzdem jemand mag?“ Chary war jetzt aufgesprungen und fuchtelte aufgeregt mit beiden Tatzen in der Luft herum.

„Wenn Du willst, Chary, dann kann ich das für Dich herausfinden“, meinte Isabella. „Du weißt ja, ich kann die meisten Waldbewohnerinnen und -bewohner beobachten, ohne dass sie es merken, weil ich ja fast unsichtbar in den dichten Baumkronen sitzen und auch alles hören kann, was sie so miteinander reden. Und das kannst Du mir glauben, ich bin zwar nicht mehr ganz jung, aber meine Ohren sind noch Spitzenklasse!“

Chary war etwas mulmig zumute bei dem Gedanken, was die Eule Isabella da zu hören bekommen würde, stimmte schließlich aber zu. Sie vereinbarten ein Treffen an derselben Stelle in genau einer Woche zur gleichen Zeit.

In dieser Woche konnte der Bär Chary kaum schlafen. Er war sehr nervös und hatte große Sorge, was Isabella ihm da berichten würde, denn er wusste, sie nahm sich kein Blatt vor den Mund und würde ihm alles genau so sagen, wie sie es gehört hatte.

Als die beiden eine Woche später wie ausgemacht wieder aufeinander trafen, räusperte sich Isabella kurz und las Chary dann aus einem Notizbuch vor, denn sie hatte sich genaue Aufzeichnungen über das Gehörte gemacht: „Ähhhm, also, vor vier Tagen konnte ich ein Gespräch zwischen der Gans Bertha und dem Esel Stanislaus mithören, wo Bertha gemeint hat, dass es so toll von Dir gewesen wäre, dass Du ihr das letzte Mal vor dem „Honey in one minute“-Laden den Vortritt gelassen hast, weil ihr Mann Gabor an diesem Tag so schreckliche Halsschmerzen gehabt hat und sie ihm durch Dein rücksichtsvolles Verhalten den die Schmerzen mildernden Honig so schnell hat nach Hause bringen können.“

Der Bär Chary stand mit offenem Mund da und lauschte: „Vorgestern habe ich ein Gespräch zwischen Madeleine Bearowicz und ihren beiden Freundinnen Daisy und Luise mitbekommen“, führte Isabella weiter aus. „Alle haben gemeint, dass Du so ein freundlicher interessanter Mann wärst, besonders Isabella hat gesagt, dass sie immer, wenn sie Dir begegnet, den Eindruck hat, dass sie Dir sehr wichtig ist und Du im Kontakt mit ihr nur ja nichts falsch machen möchtest. Sie findet es so toll, dass Du einer von denen bist, die sich nicht in den Vordergrund drängen.“

Chary traute seinen Ohren nicht und musste sich vor freudiger Überraschung an den dicken Baustamm anlehnen. „Und heute morgen, da habe ich zufällig ein Gespräch zwischen Deinem Chef Boris und dessen Boss Edmund aufgeschnappt”, fuhr Isabella weiter fort. „Oje, sagte der Bär Chary ängstlich. Da hast Du sicher nichts Gutes über mich gehört.“ „Ganz im Gegenteil“, nur das Allerbeste“, meinte hingegen die Eule Isabella. „Boris hat gesagt, dass in den Besprechungen fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kaum zuhören, sich ganz furchtbar aufplustern und immer kritisieren, ohne ihn überhaupt ausreden zu lassen. Dich aber schätzt er sehr, weil er täglich sieht, wie motiviert und gut Du arbeitest. Und in den Besprechungen erlebt er Dich als denjenigen, der zuhört und beobachtet, sich zunächst einmal zurücknimmt und gut überlegt, was er einbringen will. Und wenn Du dann was sagst, dann hat das immer Hand und Fuß, sagt Boris. Und da hat dann Edmund gemeint, dass sie froh sein können, so einen tollen Mitarbeiter zu haben – und Du jedenfalls eine Extraportion Honig verdient hast.“

Pardauz! Chary war vor Überraschung ins Gras geplumpst und saß dort mit seinem glücklichen lächenden Bärengesicht, wie wenn er kopfüber in eine Honigtorte gefallen wäre. „Das hätte ich mir nie im Leben gedacht, dass so viel Gutes über mich gesprochen wird“, säuselte er glückselig.

„Ich bin ja neugierig, was Du jetzt mit diesen Neuigkeiten anfangen wirst“, meinte die Eule Isabella. „Ich würde mich freuen, wenn Du mir Nachricht geben würdest, selbstverständlich nur, wenn Du Lust dazu hast“, sagte sie und war im nächsten Moment schon davongeflogen.

Was dann passiert ist? Eine paar Tage später fand Isabella einen Brief von Chary – am Fuße der alten Eiche gleich bei der kühlen Quelle, wo ihr Lieblings-Nachmittagsschlaf-Plätzchen war. Was darin stand? Gut, Ihr neugierigen Nasen, ich erzähle es Euch: Da stand geschrieben: „Liebe Isabella, ich kann meine Schüchternheit jetzt auch als eine gute Eigenschaft sehen. Das geht immer dann, wenn ich mir sage: >Ich habe die Fähigkeit, mich schüchtern zeigen zu können, wenn ich das will<.“


Aus Defiziten werden Kompetenzen

Diese kleine Geschichte habe ich gestern für meine Zwillingsbuben Jacob und Nicolas geschrieben.

Ich möchte ihnen damit vermitteln, dass – ganz unmittelbar – jedes „Defizit“ auch eine Kompetenz ist, jede „negative“ Eigenschaft nur in einem bestimmten Kontext, zu dem auch der eigene innere  – vielleicht eben gerade entwertende – Dialog zählt, eine solche ist.

Zum Abschluss eine kleine Übung, wenn Sie Lust dazu haben: Überlegen Sie zunächst, welche Ihre „negativste“ Eigenschaft ist. Beantworten Sie dann für sich folgende Fragen:

  • Was muss ich tun, um diese Eigenschaft bewusst hervorrufen bzw. zeigen zu können?
  • Welche positiven Auswirkungen hat die von mir gezeigte und von mir negativ erlebte Eigenschaft für andere?
  • Welche positiven Hypothesen lassen sich aus der gezeigten Eigenschaft ableiten?
  • In welchen Kontexten ist mein vermeintliches „Defizit“ eindeutig eine Kompetenz?

… und achten Sie darauf, was sich verändert.

Ein paar anregende Sprichwörter mehr…


Nach längerer Zeit werde ich heute wieder ein paar Sprichwörter zum Besten geben, die mir in den letzten Monaten begegnet sind, sich als für systemisches Denken (Nach- und Vordenken) sehr anschlussfähig erweisen und in der Folge Aufnahme in mein Notizbuch gefunden haben:

„Indem wir fortwährend uns üben, es mit allerlei Mitmenschen auszuhalten, üben wir uns unbewusst darin, uns selber auszuhalten: was eigentlich die unbegreiflichste Leistung des Menschen ist.“ (Friedrich Nietzsche)

„Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.“ (Friedrich Dürrenmatt).

„Entweder man lebt, oder man ist konsequent.“ (Erich Kästner)

„Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

„Manche Menschen würden eher sterben als nachdenken. Und sie tun es auch.“ (Bertrand Russell)

„Überhaupt ist es für den Forscher ein guter Morgensport, täglich vor dem Frühstück eine Lieblingshypothese einzustampfen, das erhält jung.“ (Konrad Lorenz)

„Die Reparatur alter Fehler kostet oft mehr als die Anschaffung neuer.“ (Wieslaw Brudzinski)

„Menschen, an denen nichts auszusetzen ist, haben nur einen, allerdings entscheidenden Fehler: Sie sind uninteressant.“ (Zsa Zsa Gabor).

„Glück ist ganz einfach gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis.“ (Ernest Hemingway)