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Kundschaft und Coach – eine TanzpartnerInnenschaft auf Augenhöhe


Systemisch-lösungsorientiertes Coaching wird manchmal mit dem Bild eines „gemeinsamen Tanzes“ beschrieben, welches ich grundsätzlich auch sehr passend finde. Nachfolgend werde ich einige Gedanken formulieren, die ich zum Bild von „Coaching als TanzpartnerInnenschaft“ habe:


Die Passung

Nun ja, es ist ja schon durchaus als mutig zu bezeichnen, mit dem Bedürfnis zu tanzen alleine bei einem Ball aufzukreuzen oder beim Tanzunterricht in einer Tanzschule vorstellig zu werden. Für manche ist es gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, über keine\n passenden PartnerIn zu verfügen, auf eine\n Fremde\n angewiesen zu sein. Wer dann als TanzpartnerIn passt? Selbstverständlich, Eigenschaften wie Größe, Gewicht, Aussehen, Bekleidung, usw. können relevante Auswahlkriterien dafür sein, wer auserkoren bzw. von wem man zum Tanzen ausgewählt wird. Auch einschlägige Bildung – vielleicht noch zur Schau gestellt mit entsprechenden Abzeichen (etwa „Gold“) – und Erfahrung können ausschlaggebend für die Wahl bzw. das Gewählt werden sein. Klar, der erste Eindruck ist wichtig, sonst sagt das Gegenüber gleich „Nein“ oder verschwindet stillschweigend flugs an die Bar.

Was ist jedoch entscheidend, ob das begonnene Tanzen dann Freude macht und belebt oder aber zur lästigen Pflichtübung verkommt und Beklemmungen hervorruft? Neben einem erforderlichen Maß an Vorschussvertrauen geht es wohl um das Vermitteln eines Gefühls von Sicherheit und zugleich Leichtigkeit, um Haltung sowie um kooperatives Verhalten, das ist zumindest meine Vermutung – und auch Erfahrung.

Sicherlich, es gibt auch TänzerInnen, die alleine am Ball erscheinen, um ihre bisherigen Erfahrungen um neue zu bereichern und ihr Können zu vergrößern. Genau so gibt es auch Coaching-Kundschaften, für die es eine Frage der professionellen Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit und somit eine Selbstverständlichkeit darstellt, etwa vor wesentlichen Entscheidungen „auf der Probebühne Coaching“ die möglichen Vor- und Nachteile unterschiedlicher Entscheidungsvarianten „durchzuspielen“. Bei meinen KundInnen jedoch überwiegt die Zahl derer, die zuvor – aus ihrer Sicht erfolglos – versucht haben, mit einem Thema im beruflichen Kontext zurechtzukommen und sich auch eingestehen mussten, dass sie kein passendes Gegenüber haben, das sie zu Rate ziehen können oder wollen. Es stellt eine sehr beachtliche Leistung dar, sich dies einzugestehen und den Weg zu einer\einem Coach anzutreten.

Gewiss, eine Kundschaft muss dann erst einmal zu mir finden. Dabei kann – so haben es mir einige KundInnen später anvertraut – etwa eine Rolle spielen, dass ich gelernter Jurist („was G´scheites gelernt“) bin, Geschäftsführer und Vorstand in erwerbswirtschaftlichen Unternehmen gewesen bin („kennt sich aus in der Wirtschaft“), nicht mehr ganz jung bin („kein Greenhorn mehr“), ein Mann bin (auch das Geschlecht kann mitentscheidend sein), usw. Meistens allerdings kommt jemand auf Basis einer Empfehlung einer anderen Kundschaft auf mich und zu mir, genieße ich also auf diesem Wege das Vorschussvertrauen von jemandem (daher gebe ich wenig auf „Coaching-Titel“, Zertifizierungen, aggressives Marketing, usw.).

Wenn ein Kunde\eine Kundin dann erst einmal vor mir sitzt, worum geht es dann? Er oder sie muss meiner Ansicht nach zunächst die Sicherheit gewinnen können, bei mir „gut aufgehoben“, d. h. an einen vertrauenswürdigen und kompetenten „Experten für hilfreiche Gespräche“ gekommen zu sein. Weiters ist eine Haltung der\des Coach wesentlich, die von der Überzeugung getragen ist, dass jedem Menschen eine Fülle von Ressourcen und Kompetenzen eignet („Potenzialhypothese“), das Gegenüber also kompetent ist, Expertin\Experte für ihre\seine „Angelegenheiten“. Und zudem geht’s ums Kooperieren auf Augenhöhe, um das neugierige Eingehen auf die Konstruktionen der Kundschaft, auf das, was ihr wichtig ist. Anders gesagt: Nur weil Mambo gespielt wird heißt das noch lange nicht, dass „Dirty Dancing” angesagt ist. Oder wollen Sie, wenn langsame Musik erklingt, dass Ihr\e PartnerIn gleich einen „L’amour Hatscher” aufs Parkett legt?


Das gemeinsame Tanzen

Was macht denn eine TanzpartnerInnenschaft auf Augenhöhe aus? Und wie lässt es sich trefflich gemeinsam miteinander tanzen? Zunächst einmal ist eine TanzpartnerInnenschaft keine TanzlehrerIn-Tanzschülerin-Beziehung, wo die\der Eine dem\der Anderen die „richtigen“ Schritte beibringt, sondern eine PartnerInnenschaft, wo jede\r ihre\seine Expertise einbringt und aufmerksam rücksichtsvoll die Füße der\des jeweils Anderen schont. Ganz wesentlich ist dabei die angemessene Nähe-Distanz-Balance, das Wahren des „Hoheitsgebietes“ der\des Partnerin\Partners. Ein Unterschreiten der gebotenen Distanz kann als einengend und aufdringlich erlebt werden, ein zu weiter Abstand wiederum kann als Desinteresse bzw. als Ambition zum „Line Dance“ aufgefasst werden, wo es für das gelingende Tanzen auch einmal reichen kann, nebeneinander das Gleiche zu tun.

Worauf es ankommt beim gemeinsamen Tanz miteinander? Es reicht so gar nicht, wenn jede\r für sich – sozusagen „auf dem Trockendock“ – die je spezifischen Tanzschritte beherrscht. Auf das Interagieren, auf die Wechselwirkung, auf das Finden eines passenden Rhythmus, auf das angemessene, Dynamik ermöglichende Überraschen, auf Variationen, die sich aus immer neuen Möglichkeiten ergeben – darauf kommt es an. Und: Auch wenn es für BeobachterInnen oft so leicht und geschmeidig wirkt: Es ist und bleibt Arbeit – die ja freudig und anstrengend zugleich sein kann. Wie meint Carlo Labin so treffend: „Der Tango – das sind zwei ernste Mienen und vier Beine, die sich amüsieren.

Und auch beim systemisch-lösungsorientierten Coaching geht es um das Miteinander, liegen die Parallelen zur TanzpartnerInnenschaft auf der Hand, geht es ums „Führen und Schritt halten“, um das unaufdringlich neugierige Wahrnehmen von Veränderungen, das freundliche Dranbleiben und Offen legen, das hilfreiche Impulse geben, das Anbieten von Möglichkeiten,…

Ein\e der Kundschaft hinterher hechelnde\r oder ein\e dem Kunden\der Kundin davon sprintende Coach ist selten hilfreich. Und was wäre, wenn die\der Coach die Tanzschritte und -figuren der Kundschaft auch nicht zu verstehen trachtete, sondern diese einfach genießen würde? So im Sinne eines „abstinenten Führens“ (© Regina Fichtl), wie das unlängst eine „meiner“ SeminarteilnehmerInnen genannt hat?


Tanz, Musik und Auftrag

Die Liste der Tänze ist lang und reicht so etwa von „African Dance“ bis „Zouk“. Was den TanzpartnerInnen die erklingende Musik (oder haben Sie schon einmal versucht, zu einem Walzer von Johann Strauß Salsa zu tanzen?) ist Kundschaft und Coach im Coaching der Auftrag. Wenn dieser etwa lautet, dass die\der Coach im Sinne eines advocatus diaboli Ideen der Kundin\des Kunden kritisch hinterfragen soll, so macht das ja einen signifikanten Unterschied zu einem Auftrag, der in Richtung „das Gespräch so strukturieren, dass ich nicht vom Hundertsten ins Tausendste komme“ lautet.

Übrigens: Ein Auftrag muss erst einmal angenommen werden, also für den\die Coach „operabel“ sein – vielleicht scheiden ja Aufträge zur Mitwirkung am Kick Ball Change aus, oder – mangels Möglichkeit zur Wahrung der gebotenen Nähe-Distanz-Balance – auch solche zur Teilnahme an einem „Hosentürlreiber“.

Dazu kann ich den Song „Tanzpartner“ von Funny van Dannen wärmstens empfehlen.

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