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„Und jetzt heißt es nur noch kurze Zeit durchhalten und 150 Prozent geben!“


Rechnen will gelernt sein oder: Immer derselbe „Schmäh“

„Nur dieses eine Mal noch mehr als hundertprozentigen Einsatz zeigen“
, „wenn der Jänner geschafft ist, dann wird es viel besser“, „durch dieses Tal der Tränen müssen wir noch durch, bevor es viel leichter wird“, „nur noch eine Woche 150 Prozent geben, dann habe ich´s geschafft“:

Die Liste dieser zumeist leeren Versprechungen (sich selbst oder auch von anderen, etwa von Führungskräften, gegeben) ließe sich endlos fortsetzen, wobei sich die Glaubwürdigkeit\Einhaltbarkeit solcher „Ansagen“ ein Kopf an Kopf-Rennen mit jener hinsichtlich Aussagen wie etwa: „Nach diesem Change-Projekt wird dann für lange Zeit Ruhe sein“ liefert, ohne jemals Boden unter die Füße zu bekommen.

Ganz ehrlich: 150 Prozent – was soll das denn sein? Selbst KonstruktivistInnen (außer vielleicht die ganz radikalen) haben ihre liebe Not damit, so zu tun, als ob sie die mathematischen Gesetzmäßigkeiten der Prozentrechnung außer Kraft setzen könnten, denn demgemäß sind 100 Prozent nun einmal alles. 1,5 mal alles? Viel Spaß beim Tête-à-tête mit dem absolut untauglichen Versuch.

Sie gehören zu jenen Menschen, die hin und wieder unfreiwillig mit sich selbst „Buzzword-Bingo“ spielen oder Einladungen anderer zum Mitspielen annehmen und sich dann ärgern, wenn Sie wieder einmal darauf reingefallen sind? Sie dürfen gnädig mit sich sein: Sie sind nicht allein.


Die „80\20-Regel“

Mein Angebot an Sie ist zugegebenermaßen nicht neu – es ist die sogenannte „80\20-Regel“ (auch „Pareto-Prinzip“ genannt), die ich heute in Erinnerung rufen möchte:

Die Entdeckung des „Pareto-Effekts“ wird Vilfredo Pareto, italienischer Ingenieur, Ökonom und Soziologe (1848-1923), zugeschrieben. Pareto hat die Vermögensverteilung in Italien im ausgehenden 19. Jahrhundert untersucht und dabei herausgefunden, dass etwa 20 Prozent der Familien um die 80 Prozent des Vermögens innehaben. In der Folge hat er den Banken geraten, sich vornehmlich um diese 20 Prozent zu kümmern, um so mit geringem Mitteleinsatz große Wirkung zu erzielen. Mithilfe umfangreichen Datenmaterials hat Pareto diesen Effekt für unterschiedlichste Sachverhalte dargestellt.

Die Pareto-Verteilung beschreibt das statistische Phänomen, wenn eine kleine Anzahl von hohen Werten einer Wertemenge mehr zu deren Gesamtwert beiträgt als die hohe Anzahl der kleinen Werte dieser Menge. Daraus leitet sich dann das Pareto-Prinzip ab: Grob vereinfacht (und in vielen Fällen nicht bis unzureichend belegt) besagt es, dass sich viele Aufgaben mit einem Mitteleinsatz von ca. 20 Prozent so erledigen lassen, dass ein Zielerreichungsgrad von 80 Prozent sichergestellt werden kann. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass die fehlenden 20 Prozent zur hundertprozentigen („perfekten“) Zielerreichung einen Mitteleinsatz von 80 Prozent erfordern.


Perfektionismus-Prävention

Wenn Sie neugierig geworden sind, so können Sie die 80\20-Regel ja einmal probeweise auf ihre Tauglichkeit in Ihrem beruflichen Kontext hin überprüfen und auf mögliche Auswirkungen achten. Mögen Sie sich auch daran erinnern, dass – bei aller Wertschätzung für Ihre „Loyalitätsseite“ – „perfekt“ stets die Frage „Nämlich für wen?“ mit sich führt…

Bevor ich es vergesse: Eine „meiner“ Führungskräfte, die ich bis heute in sehr positiver Erinnerung behalten habe, hat sinngemäß die Auffassung – und zwar auch „nach oben“ – mit Erfolg vertreten, dass die Ausstattung „seiner“ Abteilung mit Arbeitskräften und anderen Ressourcen stets dergestalt sichergestellt sein muss, dass regelmäßig mit 80-prozentigem Einsatz das Auslangen gefunden werden kann – um, wie er meinte, „im absoluten Ausnahmefall die letzten 20 Prozent aktivieren zu können.“ Von 150 Prozent war nie die Rede.

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